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Masintin und Yanantin: Grundlagen der Inka-Tradition

16.09.2014

Gleiche und unterschiedliche Energien

Wiraqocha ("Gott") offenbarte sich dem Inka-König Hatun Topa (Regierungszeit von 1408 – 1438) auf dem Berg Wiraqochan. Dieses Erlebnis war für ihn offensichtlich so einschneidend, dass er später dessen Name annahm und sich in Wiraqocha Inka umbenannte. Es ist einfacher, die Bedeutung dieses Ereignisses für die Inkas zu verstehen, wenn man es mit dem Erlebnis von Mose am Berg Horeb vergleicht, dem Gott durch einen brennenden Dornbusch erschien: Für die Inkas markierte dieses Ereignis den Beginn eines fundamentalen Wandels innerhalb der religiösen Ausrichtung, nämlich von einer hoch entwickelten Sonnenreligion hin zu einem Glauben, dessen höchste Instanz der metaphysische Gott war (und bis heute noch immer ist).

Grundlagen der Inka-Religion und Informationen zu den Inkas: Das Buch von Garcilasso de la Vega Inka, Sohn einer Inka-Prinzessin und eines spanischen KonquistadoreDiese kurze Erklärung soll zeigen, dass für die Inkas mit Pachamama und Wiraqocha nicht nur ein physischer und ein metaphysischer Aspekt der Realität existierten, sondern dass alles mindestens zwei Faktoren hat, die sich ergänzen und die harmonisch miteinander existieren können.

Masi und Yana: Warum ist das wichtig?

Wenn wir mit einem Menschen eine Verbindung haben, bei der unsere Energie gleich oder sehr ähnlich ist, bezeichnet die Inka-Tradition diesen Zustand als masintin; beruht die Verbindung zweier Menschen hingegen auf einer unterschiedlichen Energie, nennt sie dies yanantin. Die Definition dieser Zustände ist nicht starr, sondern sehr flexibel und immer eine Frage des eigenen Standpunktes.

Wie alle Energiearbeit auch beruht diese alte Weisheitslehre auf Wahrnehmung – und Wahrnehmungen sind immer individuelle Empfindungen. Was ich spüre und was ich erkenne, definiert meine Realität. Wie wir wissen, ist  nichts absolut und daher ist auch nichts absolut richtig oder falsch. Was für mich leicht ist, mag für jemand anderen schwer sein, und was für mich schwierig erscheint, ist für mein Gegenüber vielleicht ganz einfach – eine Frage des Standpunktes also.

Das Ziel: Bedeutungsvolle Beziehungen

Zwei wichtige Fähigkeiten, um sich in einem solch wandelbaren System zurechtzufinden, sind Sensibilität und Aufmerksamkeit. Wer aufmerksam und sensibel ist, kann erkennen, welcher Energiezustand in jedem Moment eines Gespräches zwischen sich und seinem Gegenüber herrscht, ob und wie sich diese Energie während des Gespräches sogar verändert. Dadurch ändert sich vielleicht nicht unbedingt der Inhalt eines Gespräches, aber es besteht die Möglichkeit, unterschiedliche Energie zu harmonisieren, um eine Masters of the Living Energy: Dieses Buch wird von vielen paqos als einer der Klassiker in Bezug auf die Inka Religion bezeichnetsinnvolle bzw. eine Sinn stiftende Beziehung mit seinem Gegenüber aufzubauen – oder wenn diese bereits existiert, weiter zu vertiefen.

Ein Beispiels für masintin und yanantin, wie sich diese Zuordnung während eines Gespräches verändern kann und welche Auswirkungen diese Veränderungen haben können:

Beispiel 1

Betrachtet man eine Mutter mit ihrer 16-jährigen Tochter auf Basis ihres Geschlechtes, sind beide Frauen – ihre Verbindung entspricht vordergründig einem masintin Verhältnis, in der beide Energien gleich sind. Frauen wissen intuitiv, wie andere Frauen denken und fühlen – ein masintin wird genau durch diese Verbindung charakterisiert, bei der zwei Energien intuitiv wissen, wie der andere „tickt“.

Die Tochter möchte am Wochenende ausgehen. Die Mutter bittet sie in einer Unterhaltung, zu einer bestimmten Uhrzeit abends wieder zu Hause zu sein. Sofort ändert sich ihre Beziehung: Selbstverständlich unterhalten sich noch immer zwei Frauen miteinander, aber nun spricht die Mutter mit dem Kind und dieses Verhältnis – und damit auch die Energie – ist ein grundsätzlich Kinder der Mitte: Dieses Buch wurde von einem deutschen Anthropologen geschrieben, der die Q'eros eingehend studiert und mit ihnen gelebt hatteanderes. Beide finden sich in unterschiedlichen Rollen wider: Die Mutter sieht die Notwendigkeit, ihrem Kind Grenzen aufzuzeigen und das Kind möchte diese verständlicherweise nicht akzeptieren.

Wenn es Mutter und Tochter jedoch gelingt, ihre beiden Energien zu harmonisieren und eine für beide Seiten gute Lösung zu finden, spricht die Inka-Tradition von der Harmonisierung eines yanantin. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass masintin undyanantin keine Synonyme für „Rollenspiel“ oder „Rollentausch“ sind, denn in dieser alten Weisheitslehre geht es ausschließlich um Energie, ihrer Definition und ihrer Wahrnehmung.

Es geht darum, aus zwei oder mehr unterschiedlichen Energien eine neue Energie zu generieren, die größer ist als die beiden Energien zusammen.

Die Schwierigkeit besteht in vielen Situationen vielmehr darin, einen geeigneten Weg zu finden, um unterschiedliche Energien zu harmonisieren, so dass, wie in dem Beispiel von Mutter und Tochter, das Gespräch nicht in einer Auseinandersetzung endet, sondern mit einer guten Lösung. Denn nur dann wird die Verbindung zwischen Mutter und Tochter dauerhaft gestärkt und hat für beide auch eine tiefe Bedeutung.

Beispiel 2

Führen wir das Beispiel von Mutter und Tochter noch ein bisschen weiter: Wenn im Verlauf des Gespräches nun die Tochter ihre Mutter um deren Meinung bezüglich der Kleiderwahl für das Ausgehen am Abend bittet, verändert sich abermals die Energie: Die Tochter begibt sich wieder zurück auf die masintin Ebene, in der sie ihre Mutter als gleichwertige Expertin in Sachen Modefragen ansieht. Es geht also nicht mehr um das Verhältnis zweier Frauen untereinander, auch nicht um die Mutter-Tochter Verbindung, sondern darum, dass sich nun zwei Mode-Experten unterhalten. Nimmt die Mutter diese Veränderung der Ebene wahr, behandelt sie ihre Tochter wie eine Erwachsene bzw. wie eine Freundin – tut sie das nicht und verhält sie sich weiterhin als besorgte Mutter, wird die Tochter verstimmt reagieren, da die Mutter die masintin Energie nicht entsprechend würdigt, denn einer Freundin gegenüber würde sich die Mutter sicherlich anders verhalten.

Gemeinsamkeiten statt Unterschiede finden

Es geht für zwei Menschen im ersten Schritt also immer erst einmal darum, zu erkennen, auf welcher Ebene sie sich begegnen. Lächelt der Kollege im Büro, weil er mich attraktiv findet (yanantin Ebene) oder weil wir im selben Projekt zusammenarbeiten (masintin Ebene)?

Im nächsten Schritt gilt es zu versuchen, die Energie zu harmonisieren und in Einklang zu bringen – nicht mit dem Ziel, sie zu assimilieren und der eigenen Energie gleich zu machen, sondern mit dem Ziel, durch die gemeinsame Verschmelzung etwas Die Rückkehr des Inka: Roman von Elizabeth Jenkins, der auf ihren eigenen Erlebnissen beruht und der ein schönes Bild der Inka Tradition zeichnetGrößeres entstehen zu lassen, indem beide ihre Identität mit all ihren Eigenarten und Besonderheiten behalten, aber durch die gemeinsame Ausrichtung eine neue Energie entstehen lassen, die größer ist als die Summe der jeweiligen Energien.

Mit yanantin bezeichnet die Inka-Tradition Energien, die sich ergänzen. Sie spricht nicht von Gegensätzen und auch nicht von Unterschieden. Alles im Leben ergänzt sich und dadurch wird Leben erst möglich. Überhaupt geht es in der spirituellen Tradition der Inkas vornehmlich um Gemeinsamkeiten, nicht um Unterschiede oder gar Abgrenzungen.

Wie der Inka yanantin praktizierte

Zu Zeiten der Inka wurden die eroberten Völker aufgefordert, ihre wichtigsten Götter in die Qorikancha, den Tempel der Sonne, im Herzen der Hauptstadt Cusco zu bringen, denn dort wurde aus reinem Gold eine Kopie dieser Gottheit angefertigt und neben die der Inkas und der anderen Völker gleichwertig platziert.

Auch die Priester des Volkes wurden angehalten, ihre Tradition fortzuführen – niemand wurde zur Glaubenskonvertierung gedrängt und von niemandem wurde erwartet, dass er seine Religion änderte. 

Um auch nach außen hin zu signalisieren, dass ein neues Volk von nun an zum Inka-Reich gehörte, hatten die Inkas folgendes Ritual entwickelt: Der Sapa Inka streifte sich die Kleider des Fürsten über und der Fürst sich die Kleider des Inka. Beide liefen nun nebeneinander durch die Straßen Cuscos und demonstrierten diese Verbundenheit. Aus zwei Energieblasen wurde eine neue Blase geschaffen – die Inka-Tradition nennnt dies taqe.

Der metyphysische Gott hat im Qechua bis heute auch den Namen hatun taqe wiraqocha, übersetzt „Gott, der große Zusammenfüger“ oder auch „Der große Integrator“. Er steht für eine Kraft, die in der Lage ist, zwei unterschiedliche Energie zu harmonisieren bzw. zu integrieren.

Sind Energien so weit harmonisiert, dass sie die Qualität von "gleiche Energien" bekommen, nennt die Tradition dies in Bezug auf auf vormals Reise nach Qeros: Zweites Buch von Elisabeth Jenkins, in dem sie ihre Abenteuer mit den Q'ero-Indianern und ihren eigenen Entwicklungsprozess beschreibtunterschiedliche Energien hapu und in Bezug auf vormals ähnliche Energien ranti.

Es gibt bei den Q'eros beispielsweise Ehepaare, die von den Bewohnern der Anden als hapu bezeichnet werden, als "heiliges Paar", das seine Energien so weit harmonisiert hat, dass diese als vollständig harmonisiert und das Ehepaar somit als Einheit wahrgenommen wird. Die spirituellen Reisen Hatun Karpay in Italien oder in England werden auch als ranti der originalen Hatun Karpay in Peru bezeichnet, da die Qualität ihrer Energien die gleiche ist wie ihr Pendant in Peru.

Übungen

Die Inka-Tradition kennt mehrere Übungen bzw. Techniken, mit deren Hilfe man spüren kann, wie es sich anfühlt, wenn zwei gleiche oder zwei unterschiedliche Energien harmoniert sind. Es handelt sich in beiden Fällen um Partnerübungen, die man mit einem Partner des gleichen Geschlechts oder eines anderen Geschlechts machen kann. 

Sie nennen sich saywa taqe yanantin (anderes Geschlecht) und saywa taqe masintin (gleiches Geschelchts) sowie poq'po taqe yanantin und poq'po taqe masintin. Diese Übungen werden - neben vielen anderen Übungen auch - in den Einführungs-Workshops Heiltechniken der Inkas (2) sowie Inka-Pfad 2 gelehrt.