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Krankheit aus Sicht der Inka-Tradition

14.01.2015

Dieses Interview mit Juan Núñez del Prado, einem khuraq akkuleq ("Hohepriester") der Inka-Weisheitslehre, entstand im Juli 2012 in Peru. Es gibt die ganz persönliche Meinung dieses Meisters wider; er erhebt nicht den Anspruch, für alle Praktizierenden zu sprechen oder gar als Sprachrohr dieser Tradition zu fungieren.

 

Frage: Juan, hast Du Dich jemals mit Deinem Lehrer Don Benito Qoriwamana oder mit deinem Freund Don Mariano Apaza darüber unterhalten, was sie über Krankheiten denken?

Antwort Juan: Krankheiten waren in ihren Augen so etwas wie Unfälle oder Zufälle. Man fängt sich irgendwann, irgendwo eine Krankheit ein, es passiert einfach. Du kannst in diesem Fall leichte Energie (kausay) dazu nutzen, Dich selbst zu heilen und auch anderen zu helfen. So einfach ist das. Krankheiten sind einfach da, ohne einen bestimmten Grund. Den Grund sehen wir nicht darin, dass ein Mensch zu viel schwere Energie hat. So etwas gibt es nicht in der andinen Tradition. Wir sind Menschen, wir sind nicht perfekt. Lebewesen, die nicht perfekt sind, machen Fehler. Wenn uns Fehler passieren, ist das ein Unfall. Das ist die simple Erklärung für die Entstehung von Krankheiten. 

Frage: Dann lass uns Krankheiten aus unserer westlichen Sichtweise heraus betrachten. Die Menschen leiden dort unter Stress, hervorgerufen zum Beispiel durch ihren Job; oder Menschen, die nicht zentriert oder fokussiert sind.

Antwort Juan: Ja, das kommt daher, dass wir keine Verantwortung übernehmen wollen. Wir sind nur gestresst, weil wir alles andere verantwortlich machen und auf die ganze Welt projizieren. Immer ist es die Schuld des Systems, der Eltern, der Lehrer – und dann wird man zum Opfer, das unter dem ganzen Druck leidet und gestresst ist – aber nur, weil man nicht stark genug ist, Verantwortung zu übernehmen. Das ist die Ursache von Stress. Schau Dir mal die Leute an, die gestresst sind: Es sind diejenigen, die keine Eigenverantwortung übernehmen. Oder nimm Bill Gates als Beispiel: Er ist nie gestresst, weil er sich seiner persönlichen Kraft bewusst ist und diese nutzt.

Frage: Du hattest doch beispielsweise dieses Rückenleiden, trotz Deiner vielen Energiearbeit der letzten Jahre. Hast Du dafür eine Erklärung?

Antwort Juan: Ja, aber hast Du mich damals gesehen, kurz nach der Operation, als ich kaum sitzen oder kein Auto fahren konnte? Heute kann ich ohne Probleme und Schmerzen jeder Beschäftigung nachgehen, die ich bereits vor meiner Operation und vor meinem Rückenleiden ausgeübt habe.

Anmerkung: Aber Du hast doch in den letzten 20 Jahren immer Verantwortung übernommen?

Antwort Juan: Jedem passieren Unfälle. Es ist naiv zu glauben, dass man diesem Pfad (Anmerkung: Juan spricht hier von der  spirituellen Tradition der Inkas) folgt und glaubt, dass einem nichts passiert. Solche Versprechen macht dieser Pfad nicht.

Frage: Wenn man sich seine Hand oder seinen Fuß bricht – ok, das ist eine ganz alltägliche Verletzung, die schnell passieren kann. Aber was ist mit Krankheiten wie Krebs?

Antwort Juan: An Krebs zu erkranken, passiert auch einfach so. Das Immunsystem des Menschen ist nicht stark genug, dem Krebs zu widerstehen, und die Krebszellen beginnen zu wuchern. Es ist das Gleiche, als wenn Du von einer Spinne gebissen wirst. Es passiert einfach. Das ist die Meinung meiner Lehrer, die mich unterrichtet haben, und ich stimme mit ihrer Meinung überein.

Nimm Don Mariano Apaza als Beispiel: Er war mein Freund. Er war ein khuraq akulleq, das heißt, er stand in der Hierarchie ganz oben. Er hatte einen Unfall und wurde ins Krankenhaus gebracht. Dort unterlief dem Ärzte-Team ein Fehler, Don Mariano bekam eine Infektion, an deren Folgen er verstarb. Wie willst Du dieses Geschehen begründen?

Er war damals der fähigste und kraftvollste Q’ero, er war der Beste, den ich kannte. Wie kann und soll man damit umgehen? Wen kann man dafür verantwortlich machen? Soll ich meinen Freund dafür verurteilen, dass er von seinen Fähigkeiten keinen Gebrauch machte, um die Infektion und seinen Tod zu verhindern? Macht ihn das zu einem Sünder? Was für ein dummer Gedanke!

Anmerkung: Es ist natürlich schwierig, mit Dir zu diskutieren, wenn Du Don Mariano als Beispiel anführst, weil er einer der fähigsten Heiler unter den Q’eros war.

Antwort Juan: Ja, selbst er kam auf diese Weise ums Leben. Don Nasario Turpo aus der Gegend von Ausangate stand auf der gleichen Bewusstseins- und Entwicklungsstufe wie Don Mariano - und er kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Die beiden waren mit die besten Leute unter den Indios. Auch ich stehe in der Hierarchie ganz oben, auch ich hatte einen Unfall, der mich beinahe das Leben gekostet hätte.

Ich glaube nicht daran, dass mir das wegen eines Fehltritts in meinem Leben passiert ist, dass ich irgendwann eine falsche Entscheidung getroffen habe oder dass ich ein Sünder bin. Diese Argumente akzeptiere ich nicht, aber das ist meine persönliche Ansicht. Ich habe sehr viel Kraft und Power und ich habe in den vergangenen 18 Jahren viel Gutes bewirkt. Mit welchen Argumenten will man mir da kommen? Vielleicht damit, was ich in einem früheren Leben Fehler gemacht habe? Daran glaube ich nicht!