Website durchsuchen

Die Inkas: Vom Sonnenkult zum Christentum

06.05.2014

Die Menschheit gründet sich auf sechs originären Zivilisationen, die sich unabhängig voneinander auf der Erde entwickelten – neben Ägypten, Babylon, China, Indien und Mesopotamien geschah dies auch in Zentralamerika. Ausgrabungen in Caral (Peru) legen nahe, dass hier vor etwa 4.600 Jahren nach den Sumerern die zweitälteste Zivilisation der Menschheit entstand. Die andine Tradition blickt somit auf eine fast 5.000 Jahre alte Geschichte von der Chavín- bis zur Tiahuanaco-Kultur zurück, wobei lediglich die letzten 500 Jahre überliefert sind.

Zu dieser Zeit gab es in Südamerika eine Nation, genannt Tawantinsuyu („Vier Nationen vereint“), heute auch als Das Inka-Reich bekannt. Es erstreckte sich über die heutigen Gebiete von Peru, Bolivien und Ecuador sowie Teile Kolumbiens, Chiles und Argentiniens und war bis zur Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika das größte zusammenhängende Staatsgebiet in Nord- und Südamerika; größer als das Römische Reich oder das Imperium Alexander des Großen.

Das Inka-Reich

Bemerkenswert ist, dass es während der Blütezeit des Inka-Reiches (1438 – 1532) weder Armut noch Hunger gab; die Menschen erfreuten sich eines Zustandes, den man als Wohlbefinden oder wirtschaftliches Wohlergehen bezeichnen kann und der in keinem Land der Erde vorher existierte und auch danach bis heute nie wieder in dieser Fülle existiert hat.

Es scheint, dass dies aufgrund einer Kombination aus Pragmatismus und Spiritualität möglich war, die von einem moralischen Prinzip geleitet wurde, das bis heute unter den Indios der Anden als Ayni bekannt ist. Es handelt sich dabei um eine Art kosmisches Gesetz, das sowohl Teil des täglichen Lebens, als auch Teil einer übernatürlichen Ordnung ist. Ayni ist ein Konzept mit vielen Facetten, das einfach ausgedrückt bedeutet: Wenn man etwas gibt, so hat man das Recht, etwas zu erhalten. Und wenn man etwas empfängt, so hat man die Verpflichtung, etwas zurückzugeben. Dieses Prinzip kann, wenn es beispielsweise in menschlichen Beziehungen, Gruppen oder Systemen angewendet wird, ein auf Intention basierendes Kraftfeld entstehen lassen, das die Möglichkeit für positive Veränderungen, Synchronizitäten oder gar Wunder eröffnet.

Die Inka-Religion und der Sonnenkult

Die Inka verehrten vor Anbeginn ihrer Zeitrechnung, lange schon vor Entstehung des Inka-Reiches, die Sonne. Bis zu Beginn des 15. Jahrhunderts unter dem 9. Inka Hatun Topa kann man die Inka-Religion bzw. die Inka-Kultur auch als Sonnenreligion oder Sonnenkult bezeichnen. Die Verehrung der Sonne hatte sich allerdings zu diesem Zeitpunkt schon weiter entwickelt. Man nennt diesen Entwicklungssprung auch Das Erscheinen des Punchau, des Sonnengottes, der den Planeten Sonne bewohnt.

Der Punchau ist der Schöpfergott des Feuers bzw. der Sonnenkraft, dessen Bewusstsein von der bloßen Strahlkraft der Sonne auf eine göttliche Präsenz ausgedehnt wurde. Die Inka verehrten also nicht nur das „Sichtbare“ der Sonne – ihr Äußeres – sondern sahen in ihr ein Lebewesen, einen lebendigen Geist, einen Spirit. Dieses gesamte lebendige Wesen nannten sie Taita Inti, Vater Sonne. Die spanischen Chronisten beschreiben in ihren Aufzeichnungen, dass der Punchau eine aus Gold in der Größe eines 2-jährigen Kindes angefertigte Statue war, die an einem zentralen Ort innerhalb der Qorikancha, dem Sonnentempel, stand und um die alle anderen Sonnensymbole der Sonnenkulten der verschiedenen Völker des Inka-Reiches platziert waren.

Vom Sonnenkult zu Gott

Hatun Topa Inka hatte während seiner Regentschaft auf dem Berg Wiraqochan – ähnlich wie Moses auf dem Berg Sinai – ein Erlebnis bzw. eine Begegnung mit dem metaphysischen Gott, den er daraufhin Wiraqocha („Gott“) nannte. Später änderte er seinen eigenen Namen von Hatun Topa Inka zu Wiraqocha Inka. Aber erst sein Sohn Pachakuti Inka führte die Inka-Kultur in ihrer spirituellen Entwicklung einen entscheidenden Schritt weiter, indem er die Erfahrung seines Vaters – die Präsenz eines metaphysischen Gottes – integrierte und dessen Fähigkeiten weiter entwickelte. Aus einer hoch entwickelten Sonnenkultur entstand ein Glaubenssystem, in dem der Inka sowie der Adel und einige ausgewählte Priester zu einem metaphysischen Gott beteten, dessen Einfluss und Kraft weit über die Kraft der Sonne hinausging. 

Statt den Sonnenkult jedoch zu bekämpfen oder abzuschaffen – wohlwissend, dass die Völker des Inka-Reiches Anhänger des Sonnenkultes waren, schließlich war die Sonne im Gegensatz zum metaphysischen Gott für alle täglich am Himmel zu sehen – machte sich Pachakuti Inka den Sonnenkult zunutze. Sobald er im Zuge der Expansion seines Reiches ein neues Königreich integrierte, besiegelte er das Bündnis, indem er das Sonnensymbol dieser neu integrierten Kultur in einer großen Prozession nach Cusco tragen ließ. Dort wurde eine Kopie dieses Sonnensymbols aus reinem Gold angefertigt, im prächtigen Sonnentempel platziert und zusammen mit Priestern des jeweiligen Kultes aufgenommen.

Die Fortführung des Sonnenkultes kann aus diesem Grunde mehr als politisches Machtinstrument, denn gelebte spirituelle oder religiöse Tradition gesehen werden. Anstatt sie spirituell zu bekämpfen, vereinte man die verschiedenen Stämme an einem Ort und trug dazu bei, dass jeder einzelne Sonnenkult die Verbindung zu seinem Ursprung nähren und stärken konnte.

Die Inka-Religion heute

Die heute in den Anden gelebte Inka-Religion beinhaltet ein Glaubenssystem, das ihre  Bewohner eindeutig als Christen identifiziert. Sie haben das Bild von Jesus Christus in der Form angenommen, wie es ihnen vom Christentum gezeigt worden war – Jesus als der Christus, der Sohn von Gott, dem Erlöser. Auf die gleiche Weise haben sie das Bild von Maria, der Mutter Jesu, übernommen. Um diese beiden zentralen Bilder herum gibt es jedoch eine Reihe von „übernatürlichen“ Wesen, die nichts mit der Römisch-Katholischen Tradition zu tun haben – Wesen wie die Pachamama, der omni-präsenten Mutter Erde (oder auch „weiblicher Aspekt des Universums“), um die sich alle spirituellen Aktivitäten der andinen Indios bis heute bewegen. So zum Beispiel die Apus, die Spirits der Berge, die Mallkis, die Spirits der Bäume oder Mama Qocha, der Spirit der Lagunen, der Meere und Seen.

Das andine Glaubenssystem bzw. die heutige Inka-Religion beinhaltet Wesenheiten, die eine größere Verbindung zu der Welt der Inka haben, als zu der übernatürlichen Welt der Europäer. Somit wurde das Christentum mit einer Tradition verschmolzen, die in Amerika offensichtlich sehr viel älter als das Christentum selbst ist.

Warum die Inkas mehr Priester als Schamanen sind

1979 gab es im Tal von Cusco genau 70 Paqos, ein Quechua-Wort, das übersetzt so viel wie „Praktizierender der Inka-Tradition“ oder auch „Priester“ bedeutet. Diese Zahl war damals deshalb so signifikant, weil sie deutlich höher war als die Gesamtzahl der katholischen Priester und protestantischen Pfarrer in dieser Gegend. Diese „Spezialisten“ der Inka-Tradition waren (und sind bis heute) in einer hierarchischen Struktur von vier Ebenen unterteilt, die sich damit von der eher flachen Struktur des Schamanismus unterscheidet. In allen vier Ebenen gibt es eine Ordnung und Struktur, die den Übergang von einer Ebene zur nächsten mit Hilfe von genau definierten Initiationen und Zeremonien beschreibt, ähnlich wie im Buddhismus oder der christlichen Kirche. 

Akademische Studien und Beobachtungen von Juan Núñez del Prado Ende der 70-er Jahre brachten viele Erkenntnisse einer längst in Vergessenheit geratenen Tradition zum Vorschein und zeigten eine eine Spiritualität, die heute als moderne Inka-Religion bezeichnet werden kann. Eine ausführliche Beschreibung zu diesem Thema finden Sie hier.

Welchen Veränderungen diese Religion in den letzten 500 Jahren ausgesetzt war, lesen Sie hier.