Website durchsuchen

Ayni: Kompass für persönliches Wachstums

30.08.2014

Die Inka-Tradition kennt keine Gesetze und sie macht auch keine Vorgaben. Sie kennt nur ein einziges Gebot, das so tief im Glauben verankert ist, dass es die indigene Bevölkerung der Anden bis heute achtet: Ayni.

Das einzige Gebot der Inka-Tradition

Übersetzt bedeutet es so viel wie „Reziprozität“ oder „Gegenseitigkeit“. Es handelt sich dabei um eine Art kosmisches Gesetz, das sowohl Teil des Wiracocha Inka, erster Inka der expansiven Inka-Reichestäglichen Lebens, als auch Teil einer übernatürlichen Ordnung ist. Es beschreibt eine Realität, die danach strebt, Menschen an ihre einzigartigen Fähigkeiten als Mitschöpfer und Veränderer ihrer Welt zu erinnern. Bei Ayni geht es um das Teilen, damit jeder mit dem versorgt ist, was er braucht; es geht auch um das Teilen von Wissen und Weisheit, damit sich Menschlichkeit entwickeln und die Harmonie gestärkt werden kann. Es bezeichnet letztlich eine Form der Ebenbürtigkeit.

Das ganze Leben ist Ayni

Das ganze Leben, von der Geburt bis zum Tod, ist Ayni: Wir kommen auf die Welt und erhalten von Pachamama einen kleinen Körper; und wenn wir eines Tages wieder gehen, geben wir ihr einen größeren Körper zurück. Eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass wir auf der Erde leben können, besteht im Ayni zur Natur: Wir atmen den Sauerstoff ein, den uns die Bäume und Pflanzen zur Verfügung stellen, verarbeiten diesen und geben ihnen beim Ausatmen unser Kohlendioxid. Dieses nehmen sie auf, verarbeiten es und geben uns Sauerstoff zurück. Ein Kreislauf aus Geben und Nehmen.

Ayni kann, wenn es beispielsweise in menschlichen Beziehungen, Gruppen oder Systemen angewendet wird, ein auf Intention basierendes Kraftfeld entstehen lassen, das die Möglichkeit für positive Veränderungen, Synchronizitäten oder gar Wunder öffnet.

Aktion und Reaktion

Ayni ist ein Konzept mit vielen Facetten, aber einfach ausgedrückt bedeutet es: Wenn man etwas gibt, so hat man das Recht, etwas zu erhalten. Und wenn man Inka Yupanki, auch Topa Inka genannt, der Sohn von Pachakuti Inkaetwas empfängt, so hat man die Verpflichtung, etwas zurückzugeben. Ayni beschreibt, wie auf eine Aktion immer eine Reaktion folgt. Dieses Prinzip umfasst nicht das, was die westliche Kultur als Tauschhandel oder auch als „Geben und Nehmen“ bezeichnet, sondern geht darübernoch weit hinaus.

Wenn man Energie in etwas gibt (also etwas tut), fließt immer mehr Energie zurück (man erhält immermehr). Das gilt sowohl für die netten und tugendhaften Dinge, die man im Leben tut, als auch für die weniger netten und weniger tugendhaften Taten. Immer kommt mehr zurück, als man gegeben hat.

Alles kommt verstärkt zurück

Sollte ein Mensch auf eine Tat keinerlei Reaktion von einem anderen Menschen erfahren, sorgt Wiraqocha („Vater Kosmos“) persönlich für Ayni und belohnt diese Tat nicht nach menschlichen Maßstäben, sondern nach dem Maßstab des Universums.

Wichtig dabei ist zu wissen, dass sich Ayni immer nur in diesem Leben abspielt: Alles, was wir in diesem Leben tun, erhalten wir auch in diesem Leben zurück. Selbst nach dem Tod hat jeder Mensch noch Zeit, sein „offenes“ Ayni mit anderen Menschen zu schließen. Da es für die Inka-Tradition so etwas wie ein „nächstes Leben“ nicht gibt, kann Ayni auch nicht auf ein anderes Leben übertragen werden, sondern erfolgt immer zu Lebzeiten.

Kompass des persönlichen Wachstums

Pachakuti Inka, der Gründer des expansiven Inka-Reiches und vermutlich auch der Gründer der Inka-Religion

Aus der bisherigen Beschreibung lassen sich zwei Schlussfolgerungen ableiten:

Die Inka-Tradition ist keine moralische Lehre
Sie gibt nicht vor, was richtig oder falsch ist, sondern überlässt es jedem Menschen selbst, zu erfahren und zu lernen, was für ihn gut oder weniger gut ist. Denn wenn ein Mensch die Auswirkungen seines Handelns am eigenen Leib erfährt, entscheidet er selbst, ob diese Auswirkungen für ihn wünschenswert sind oder nicht. Die Inka-Tradition gibt ihm damit die Freiheit, selbst zu entscheiden, was gut für ihn und was ihm gut tu – und was nicht.

Die Inka-Tradition fordert Menschen zum Handeln auf
Es ist eine Lehrer, die Menschen dazu ermuntert, in Aktion zu treten und aktiv zu sein – denn wenn jemand nichts tut, kann auch nichts zurückkommen, weder etwas Gutes, noch etwas weniger Gutes. Wenn er nichts gibt und nichts zurück erhält, kann er sich nicht entwickeln. Wenn er sich nicht entwickelt, bedeutet das Stillstand und Stillstand heißt, dass jemand stirbt bzw. gestorben ist. Don Mariano Apaza, ein Q’ero-Ältester, sagte vor vielen Jahren zu einem Schüler: Wenn ein Baum nicht mehr wächst, dann ist er gestorben.

 

In Bezug auf unser menschliches Entwicklungspotential könnte man Ayni auch als den Kompass bezeichnen, der jedem Menschen die Richtung weist, während der Inka-Samen so etwas wie die innere Landkarte darstellt, an Hand dererer man sich orientieren kann.