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Alto mesayoq und pampa mesayoq: Wege eines paqo

19.08.2014
 
In der spirituellen Tradition der Anden gibt es bis heute zwei heilige Pfade, die ein Mensch beschreiten kann, um Energiearbeit zu praktizieren: Den Pfad des tusuq (Tänzer) und den Pfad des paqo (Priester, Mystiker, Heiler, Schamane).
 
Beide - tusuq und paqo - sind Experten im Bewegen und Transformieren von Energie, aber die Art und Weise, wie sie das tun, unterscheidet sich sehr. Die Tänzer generieren und bewegen Energie vorrangig mit Hilfe von Tanz und Gesang, während die paqos dies mit Hilfe von zwei Werkzeugen tun: Zum einen mit sogenannten despachos, einer Art Mandala oder Opfergabe, die auf einem Stück Papier sowie vielen verschiedenen Zutaten erstellt und mit Energie aufgeladen werden; zum anderen mit Hilfe von Übungen bzw. Techniken, die sie primär per Intention ausführen. 

Paqo: Mystiker, Priester, Heiler, Schamane

Für das Wort paqo gibt es keine eindeutige bzw. richtig zutreffende Übersetzung. Sie nur als "Schamane" zu bezeichnen, trifft nicht ihren Kern, auch wenn sie Meister der Heilung und der Zeremonien sind; aber darüberhinaus sind sie auch Priester, Mystiker und Zeremoniemeister. Eine neutrale Übersetzung lautet „Praktizierende" der Inka-Tradition.
 
Drei Paqos, Priester und Mystiker der Inka-Religion, bei einem despacho, einer heiligen Zeremonie der Inka-Schamanen, das in Stile eines Mandalas ausgeführt wirdDie Vorgehensweise, Energie nur mit Hilfe der eigenen Intention, also „im Geiste“, zu bewegen, bringt es mit sich, dass man rein äußerlich nicht sehen kann, was ein solcher Praktizierender tatsächlich ausführt. Während ein tusuq tanzt, sich bewegt und dabei auch singt, sieht man dem paqo seine Arbeit nicht an. Dies ist im übrigen einer der Gründe, weshalb bis in die 80er Jahre des letzten Jahrtausends so wenig über die paqos, diese Mystiker, Priester, Heiler, Schamanen der Anden, bekannt war: Man sieht ihnen ihre Arbeit rein äußerlich nicht an. 

Energiearbeit per Intention

Wie sollte man dann auf die Idee kommen, jemanden zu fragen, was er da tut, wenn man gar nicht sieht, dass er mit Energien arbeitet? Diese Vorgehensweise ist im übrigen auch einer der Gründen, weshalb vor allem interessierte Ärzte, Heilpraktiker, Therapeuten, Trainer und Lehrer diese Techniken heute lernen, denn sie können diese bei ihren Klienten anwenden, um den Heilungsprozess zu unterstützen und ohne sich merkwürdigen Fragen und Blicken auszusetzen.
 
Einen paqo, unabhängig davon, wo er lebt oder wo er herkommt, erkennt man an seiner misha bzw. mesa. So nennt man das heilige Ritualbündel, das er bei verschiedenen Gelegenheiten einsetzt, wenn er denn möchte und wenn es ihm der Situation entsprechend angemessen erscheint. Ein paqo setzt seine misha beispielsweise bei Heilsitzungen und Zeremonien ein, um sich mit Ein despacho, ein Mandala im Stil der Inka-Tradition, eine typische Opferzeremonie der Inka-SchamanenOrten und Plätzen zu verbinden oder um Räume mit leichter Energie aus seiner misha zu füllen. Sie besteht aus einem festen Außentuch, das kunstvoll gefaltet wird, so dass es am Ende ein quadratisches Stoffpäckchen ergibt. In diesem befinden sich die persönlichen Kraftobjekte (khuyas), die ihn mit Personen, Plätzen, Orten oder Situationen verbinden, die für ihn wichtig sind - und die ihn daher immer mit leichter Energie versorgen.
 
Ein Praktizierender der Inka-Tradition muss, um seine persönliche Kraft (karpay) so weit wie möglich zu entwickeln, die rechte Seite (paña) des heiligen Pfades, die in Verbindung mit Wissen, Weisheit und der mystischen Welt steht, sowie die linke Seite (lloq’e) des heiligen Pfades, die in Verbindung mit Fühlen, Wahrnehmen, Heilen und den praktischen Aspekten des Lebens steht, perfekt beherrschen.
 
Dann besitzt er alle Fähigkeiten, die notwendig sind, um den mittleren Pfad (chaupi) kraftvoll zu durchschreiten. dieser Pfad steht in Verbindung mit Menschen und wird daher auch als der "soziale Weg" bezeichnet. Die Tradition nennt diesen chaupi.
 
Innerhalb dieses heiligen Pfades kann ein paqo zwei unterschiedliche Wege beschreiten:  den des pampa mesayoq und den des alto mesayoq. Sobald ein paqo beginnt, den heiligen Pfad der Tradition zu gehen, erfährt er, ob er ein pampa mesayoq oder ein alto Don Humberto Sonqo und seine Frau Doña Bernadina, zwei pampa mesayoqs  aus Q'ero, Perumesayoq wird. Er hört diesen Ruf entweder in Träumen, bekommt es von einem Familienmitglied oder einem höheren paqo gesagt oder lernt es durch die Naturgewalten, beispielsweise, indem er drei Mal vom Blitz getroffen wird. 

Pampa Mesayoq

Ein pampa mesayoq ist ein Meister der Zeremonien. Er versteht es, mit Hilfe von despachos, einer typischen Zeremonie der Anden, Wünsche zu manifestieren. Diese können alles umfassen: Von der Heilung von Krankheiten über den Wunsch nach Geld,einem Partner oder einer Partnerin bis hin zu einer gesunden Llama-Herde oder dem Wunsch nach einem Kind. Diese „kosmische“ Erfüllung von Wünschen kann geschehen, indem der paqo die apus und n’ustas um Hilfe bittet und durch ihre Kraft die lebendige Energie des Universums bewegt bzw. lenkt. 

Alto Mesayoq 

Ein alto mesayoq ist ein Mystiker bzw. ein Hohepriester. Auch er bewegt die Energie des Universums, in der Regel kennt er neben demDon Martin Quispe (2012): Ein alto mesayoq aus Q'ero despacho aber noch viele andere Techniken, um dies zu erreichen. Ein weiterer Unterschied zumpampa mesayoq liegt darin, dass er die apus und n’ustas um Hilfe bittet, aber gleichzeitig mit ihnen in Kontakt steht und Feedback von ihnen erwartet bzw. auch erhält. 
 
Die Differenzierung der Begriffe alto mesayoq und pampa mesayoq gelingt noch besser, wenn man als Beispiel Franz von Assisi und den damaligen Papst Honorius III. zur Hilfe nimmt: Franz von Assisi war ein alto mesayoq (Mystiker) und Honorius III. ein pampa mesayoq (Zeremonienmeister).
 
Wer im übrigen die Workshops von Hans-Martin Beck Heiltechniken der Inkas, die Kurse von Juan Núñez del Prado Inka-Pfade oder das Seminar von Elizabeth Jenkins Die Weisheit von Mutter Erde besucht, erhält eine fundierte Ausbildung als alto mesayoq.

Heilige Feste der Paqos

Für die paqos in den Anden gibt es während eines Jahres mehr als 12 heilige Feste, wobei zu den wichtigsten sicherlich das Fest zu Ehren von Señor de Qoyllurrit’i (eine andere Bezeichnung für Jesus Christus) auf 4.300m Höhe, zu Ehren der Jungfrau von Carmen (Virgen del Carmen) in Paucartambo und zu Ehren von Señor de los Templores (Herr der Erdbeben) in Cusco gehören. 
 
Paqos pilgern dorthin, um sich dort mit den Heiligen des Ortes sowie der Energie der Berge (apus) und der Energie des Ortes verbinden; und wenn sie am Ende wieder nach Hause gehen, sind sie mit diesem Ort durch eine unsichtbare, energetische Nabelschnur (seqe) verbunden, die sie das ganze Jahr hindurch mit Energie versorgt. 

Tusuq: Tänzer der Anden

Ein Tänzer der Qhapaq Negro

Ein tusuq bewegt Energie über den Tanz und über seinen Gesang. Er nutzt seinen Körper und seine Stimme, um eine kraftvolle Energie zwischen sich und dem Heiligen aufzubauen, für den er tanzt, so dass ihn diese Verbindung ein ganzes Jahr lang nährt.
 
Einen einheitlichen Weg, um Tänzer zu werden, gibt es nicht – viele Tänzer treten ihrer Gruppe im Kindesalter von sechs oder sieben Jahren bei, andere aber auch erst im Erwachsenenalter. Ich selbst kenne zwei Tänzer, die als Erwachsene zur Tänzergruppe gestoßen waren und ihre Beweggründe dafür sind genauso spannend, wie das Leben selbst.

Ein Tänzer übt das ganze Jahr mit seiner Gruppe sämtliche Gesänge und Bewegungsabläufe und investiert sehr viel Zeit und Hingabe. Manche Feste dauern nur einen Tag, andere eine ganze Woche – aber immer wird aus ganzem Herzen getanzt, gesungen und musiziert. Denn der Tusuq versteht sein ganzes Handeln als Ehrung für den Heiligen bzw. die Heilige selbst, für den Ort, an dem er tanzt, und für die verstorbenen Mitglieder seiner Tänzergruppe.

 
Während des Festes zu Ehren von Señor de Qoyllurrit’i beispielsweise tanzen insgesamt 12 Gruppen mit jeweils 10-15 Tänzern. Zwei Tagelang tanzt immer eine Gruppe nach der anderen, so dass non-stop, 24 Stunden am Tag getanzt und gesungen wird. Dabei wird jede Gruppe von einer kleinen Kapelle begleitet, die meist aus einem Rhythmustrommler und ein bis zwei Geigenspielern besteht und Melodie und Takt angeben.
Tänzer in der Kapelle von Qoyllur Rit'i
 
Zwei Tage lang, 24 Stunden am Tag, Tag und Nacht, wird getrommelt, getanzt und gesungen. Niemals herrscht bei diesem Fest auch 
nur für einen Moment Stille. Und das Publikum besteht aus etwa 80.000 Menschen, die ihre Energie ebenso hineingeben.
 
Die Energie, die dort herrscht, ist wirklich intensiv und fast schon körperlich spürbar - und nicht selten gehen in Qoyllurrit’i  Wünsche schon nach kurzer Zeit in Erfüllung!
 
Wenn Sie Interesse haben, das Fest von Qoyllurrit'i selbst zu erleben und seinen Zauber zu spüren, finden Sie hier weitere Informationen.